Hamburg. Ein regnerischer Nachmittag im Februar. Nach einem kleinen Zwischenspurt im Regen sitzen wir in einem kleinen italienischen Restaurant beim Mittagessen. Wir; das ist einer meiner Lieblingskunden, zwei Anbieter von käuflichen E-Mail-Adressen und ich.

Wortgewandt und -gewaltig schwärmen die Anbieter von ihren Kaufadressen. Natürlich top-seriös generiert. Mit Double-Opt-In für alle Fälle. Conversionsstark. Selbstverständlich für B2B (Business to Business) und B2C (Business to Consumer) gleichermaßen geeignet. Kurz: Die eierlegende Wollmilchsau der E-Mail-Adressen. Und natürlich zu einem Top-Preis, der nur im Rahmen einer Sonderaktion an diesem Tag gilt.

Mein Kunde kauft trotzdem nicht. Warum, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Das Adressen Business

Der Handel mit E-Mail-Adressen ist ein riesiges Business. Eine kurze Suchanfrage bei Google ergibt 950.000 Treffer für den Begriff „E-Mail-Adressen kaufen“.

Die Anbieter

So vielfältig wie das Leben, sind auch die Anbieter käuflicher E-Mail-Adressen. Vom Studenten, der sich nebenbei etwas hinzuverdient, bis zu großen Marketingagenturen und Adressbrokern ist alles vertreten. Durch die ziemlich restriktive deutsche Rechtssprechung finden sich inzwischen viele Anbieter auch im Ausland.

Der Vertrieb

Um Ihre Angebote zu vermarkten nutzen Anbieter alle gängigen Möglichkeiten der Internetwerbung wie bspw. Anzeigen bei Google Adwords oder Bannerwerbung. Etwas zurückgegangen sind nach meiner Beobachtung die Angebote bei Verkaufsplattformen wie bspw. eBay. Dafür neu hinzugekommen ist die Möglichkeit, eigenes Web Scrapping (Erklärung dazu später) zu betreiben, um E-Mail-Adressen ohne Umwege über Listenverkäufer zu generieren.

Ein weiterer Vertriebsweg besteht darin, unverlangt Werbung für den Verkauf von E-Mail-Adressen zuzusenden.

Kosten

„9,4 Millionen E-Mail-Adressen zu verkaufen. Geprüft und gepflegt, Genehmigung zum legalen Werbe-Versand liegt vor. Sonderpreis 89,60 Euro“

Solche und ähnliche Angebote erreichen uns immer wieder.

Auf den ersten Blick ein Schnäppchen. „Wenn wir an 9.400.000 Empfänger ein Angebot versenden, dann muss nach dem Gesetz der Großen Zahl etwas dabei herauskommen. Und wenn nicht, versenden wir eben 20 Millionen E-Mails.“

Auf solche oder ähnliche Überlegungen könnte man angesichts dieser Preise durchaus kommen. Doch der Preis dafür wäre hoch. Wir gehen später noch darauf ein.

Woher kommen die E-Mail-Adressen

Eine Quelle für käufliche E-Mail-Adressen ist Web Scrapping.

 

Web Scrapping

Web Scrapping ist eine Technologie, mit der durch automatisches Auslesen von Internetseiten Informationen gewonnen werden. Inhalte von Webseiten werden kopiert und durch gezieltes Extrahieren der Daten werden Informationen generiert.

Im Fall der Sammlung von E-Mail-Adressen genügt es meistens, das Impressum auszulesen, in dem eine gültige E-Mail zur Kontaktaufnahme mit dem Anbieter vorhanden sein muss.

Programme dafür werden auch Wrapper genannt.

 

Eine manuelle Erfassung von E-Mail wird ebenfalls genutzt. Diese wird jedoch üblicherweise als spezielle Dienstleistung angeboten („Wir erfassen 100 E-Mail Adressen von Firmen in Ihrer Nähe“). Die Preise dafür sind entsprechend hoch.

Gewinnspiele sind eine weitere Quelle für E-Mail-Listen. Dort kann es bei Teilnahme eine Option geben, mit der ein Mitspieler sein Einverständnis erklärt, auch von anderen Firmen Werbung zu bekommen.

Haben Sie schon einmal im Internet eine kostenlose Produktprobe angefordert? Auch dabei kann man übersehen, dass man gleichzeitig eine Werbeerlaubnis erteilt hat.

Zuletzt seien an dieser Stelle noch eine Sonderform genannt. Die sog. „Schenk-Festivals„. Das Konzept ist für den Anbieter so einfach wie genial. Zehn oder mehr Anbieter stellen auf einer gemeinsamen Plattform Downloadangebote (oder auch andere) gegen Herausgabe der E-Mail-Adresse zur Verfügung. Was nur „im Kleingedruckten“ steht: Allen Beteiligten wird mit Annahme eines Angebots Werbeerlaubnis erteilt. So kann aus dem Abruf eines kostenlosen eBooks schnell eine E-Mail-Lawine von zehn, zwanzig oder mehr Anbietern werden.

Vermeintliche Vorteile

Die Vorteile käuflicher E-Mail-Adressen scheinen auf der Hand zu liegen. Der Kauf einer E-Mail-Liste ist

  • schnell,
  • unkompliziert,
  • günstig und
  • mit wenig Aufwand verbunden.

Ein Klick, die Eingabe der Kreditkartendaten und wenige Augenblicke später ist die begehrte Liste auf der eigenen Festplatte. Schon kann die Werbung starten.

Sicherlich gibt es auch Erfolgsbeispiele für Werbung mit gekauften E-Mail-Adressen. Doch für Firmen, die tragfähige Beziehungen zu Ihren Interessenten und Kunden aufbauen wollen und planen, auch in einigen Jahren noch E-Mail-Marketing durchzuführen ist der Adressenkauf nicht unbedingt die beste Option.

Risiken

Lassen Sie uns einige Risiken für Sie und Ihre Firma ansehen, wenn Sie Nachrichten an gekaufte E-Mail-Adressen senden.

Fehlendes Interesse

Die Empfänger Ihrer Nachrichten kennen weder Sie, noch Ihre Produkte und Dienstleistungen. Sie haben in den meisten Fällen auch kein Interesse daran.

Also werden die Nachrichten, wenn Sie Glück haben, gleich gelöscht. Haben Sie Pech, werden Ihre Nachrichten als „Spam“ gekennzeichnet. Mit einigen dramatischen Auswirkungen, auf die wir gleich noch eingehen.

Fehlerhafte Daten

Je nach „Pflegezustand“ der E-Mail-Liste kann es sein, dass einige (oder viele) E-Mail-Adressen ungültig sind.

Das belastet Sie im ersten Augenblick zwar wenig. Doch E-Mail-Provider wie GMX, Googlemail, T-Online und Co. registrieren sehr aufmerksam, wie viele ungültige Nachrichten Sie versenden. Überschreiten Sie eine bestimmte Schwelle, werden sie als Spam-Versender gekennzeichnet.

Mit der Folge, dass Ihre Nachrichten nicht mehr zugestellt werden.

Beziehungsaufbau schwer möglich

„Sehr geehrter Herr Marzella,

für Sie als Geschäftsführer der Firma Fitzliputzli….“

Personalisierung ist eine Grundlage für den Erfolg von E-Mail-Kampagnen. Fehlerhafte E-Mail-Listen führen natürlich auch zu falscher Personalisierung.

Ob der sehr geehrte Herr Marzella, der gar nicht Geschäftsführer bei Fitzliputzli ist, jetzt noch Lust hat, den Rest zu lesen oder gar Ihr Angebot zu kaufen, darf bezweifelt werden. Viel eher wird die Maus auf den Button „Als Spam markieren“ gesetzt und geklickt.

 

Wenn Ihre Nachrichten als Spam markiert werden

Werden Ihre Nachrichten regelmäßig als „Spam“ markiert, hat dies einige Folgen, die vielen nicht bewusst sind.

Bei Ihrem E-Mail Service-Provider

Große E-Mail-Listen werden üblicherweise nicht vom heimische Outlook-Konto aus versandt. Sondern von einem spezialisierten Anbieter wie bspw. Cleverreach, Klick-Tipp, MailChimp oder ähnlichen.

Bei allen Anbietern unterschreiben Sie, keine Spam-Mails zu versenden. Werden Sie nun vermehrt als Spamversender „gebrandmarkt“ kann dies zur Kündigung bei Ihrem Service Provider führen.

Bei Ihnen selbst

Versenden Sie gar über Ihren eigenen Server kann es im Extremfall sein, dass Ihre IP-Nummer generell gesperrt wird und dass die gesamte E-Mail-Kommunkation Ihrer Firma lahmgelegt ist. 

 

Mehrfacher Listenverkauf

Sofern Sie nicht gerade eine Exklusivliste gekauft haben, wird die E-Mail-Liste natürlich auch an andere Werbetreibende verkauft.

Das bedeutet, dass nicht nur Sie, sondern eine Vielzahl anderer Anbieter E-Mails an die Empfänger senden. Die E-Mail-Flut kann gigantisch werden.

Wir kennen einige, die sich gezwungen sahen, Ihre E-Mail-Adresse still zulegen und zu wechseln, weil sie am Tag mehrere hundert Nachrichten bekamen. Jeden Tag.

Das mit der Markierung als Spam hatten wir ja schon.

Imagewirkung

Jetzt noch darauf hinzuweisen, was die obigen Punkte für Ihr Firmenimage bedeuten, wäre Eulen nach Athen zu tragen. Deshalb überlassen wir dies Ihrer Phantasie.

Rechtliche Probleme

In Deutschland gilt das sog. „Double Opt-In Verfahren“ als unbedingte Voraussetzung für den Versand von E-Mail-Nachrichten.

Ohne eine ausdrückliche – und nachweisbare! – Einwilligung des Empfängers sind unaufgeforderte E-Mails wettbewerbswidrig und können eine kostenpflichtige Abmahnung nach sich ziehen.

Selbst wenn der Listeninhaber dieses Double-Opt-In Verfahren eingehalten hat, kann es imStreitfall durchaus zu der Entscheidung kommen, dass diese Einwilligung nicht für Ihre E-Mails gilt.

Es könnte natürlich auch anders ausgehen. Doch wie sagt der Volksmund:

„Auf hoher See und vor Gericht sind wir alle in Gottes Hand.“

Masochismus

Als Masochist wird landläufig ein Mensch bezeichnet, der dadurch Befriedigung erlebt, dass ihm Schmerzen zugefügt werden oder dass er gedemütigt wird.

Wir wissen nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie jeden Tag mehrere/viele E-Mails bekommen mit Inhalten wie bspw:

„Hören Sie sofort auf, mich zu belästigen!“

„Wenn Sie mir noch ein Mal schreiben, gehe ich zum Anwalt.“

„Haben Sie nichts Besseres zu tun? Suchen Sie sich einen vernünftigen Job!“

„Woher haben Sie meine Daten?!“

usw. …

Unser „persönlicher Grad von Masochismus“ ist damit weit überzogen.

Und vielleicht ziehen solche Nachrichten aus gekauften Listen auch Ihre Arbeitsmoral in den Keller.

Lösungen

Einige Lösungen für Sie, damit Sie Ihre eigenen E-Mail-Adressen (Leads) generieren können.

Fragen

Nutzen Sie jede Gelegenheit, Ihre Kontakte bei persönlichen oder telefonischen Begegnungen nach ihrer E-Mail-Adresse zu fragen.

Mehr Informationen finden Sie in unserem Artikel „Haben wir Ihre E-Mail-Adresse …“

Eigene Leadgewinnung

Auch Ihre Webseite ist ein hervorragendes Medium, um frische Leads zu bekommen.

Auf unserer Webseite hier finden Sie dazu viele Artikel und Beispiele. Klicken Sie sich einfach durch …

Wenn Sie es ganz komprimiert haben wollen, interessiert Sie vielleicht unser Leadgewinnungsbuch bei Amazon …

Co-Registrierung

Oder Sie nutzen die noch ziemlich seltene Möglichkeit der Co-Registrierung bei Newsletteranmeldung.

 

Co-Registrierung

Angenommen, Sie haben ein großes Partner-Netzwerk. Und einige Ihrer Partner bieten, so wie Sie auch, einen Newsletter an.

Mit Co-Registrierung nutzen Sie die Anmeldeprozesse Ihrer Partner, damit diese Werbung für Ihren Newsletter machen (und umgekehrt).

Auf der Webseite mit der Anmeldebestätigung könnte beispielsweise zusätzlich stehen:

„Ich empfehle die Newsletter meiner Partner …“

Vor jedem empfohlenen Newsletter gibt es eine Checkbox zum Setzen eines Häkchens. Die Anmeldung löst den individuellen Double-Opt-In Prozess des jeweiligen Anbieters aus.

 

Zum Schluss

Wie halten Sie es mit gekauften E-Mail-Adressen? NoGo oder tägliche Übung?

Welche Wege nutzen Sie, um neue Leads zu bekommen?

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